Aus der aktuellen Fachgruppenarbeit

Abitur nach neun Jahren: Was ändert sich?

Der Niedersächsische Landtag hat am 3. Juni 2015 entschieden, zum 9-jährigen Bildungsgang an Gymnasien (G 9) und an den nach Schulzweigen gegliederten Kooperativen Gesamtschulen zurückzukehren. Die Umstellung begann am 1. August 2015. Hierbei wurden die Schuljahrgänge 5 bis 8 einbezogen. Im Frühsommer 2021 werden erstmals wieder Schüler*innen das Abitur nach einem 9-jährigen Bildungsgang absolvieren. Diese Schüler*innen befinden sich im laufenden Schuljahr (2017/2018) im 10. Schuljahrgang und werden zum 1. August 2018 in eine eigenständige Einführungsphase (Schuljahrgang 11) versetzt. Im Sommer 2019 startet dann die Qualifikationsphase, die mit der Umstellung auf fünfstündige Leistungs- und dreistündige Grundkurse wesentliche Änderungen bringt, auf die sich die Kolleg*innen einstellen und vorbereiten müssen.

Die Kultusministerkonferenz schreibt ab Jahrgangsstufe 5 bis zum Abitur ein Stundenvolumen von 265 Jahreswochenstunden vor. Darauf dürfen fünf Stunden Wahlunterricht angerechnet werden. Durch die Rückkehr zu G 9 erhöht sich die Wochenstundenzahl der Schüler*innen bis zur Hochschulreife auf mindestens 273 Pflichtstunden. Dafür haben die Schüler*innen aber ein Jahr mehr Zeit. Auf die Jahrgänge 5 bis 11 entfallen dabei maximal 30 Pflichtwochenstunden (ohne Profilunterricht). In der Qualifikationsphase sind mindestens 32 Stunden zu belegen.

Die Verweildauer (§ 3 Abs. 1 VOGO) in der gymnasialen Oberstufe beträgt maximal vier Jahre, für die Einführungsphase ein Schuljahr und für die Qualifikationsphase zwei Schuljahre. Die Einführungsphase oder ein Schuljahr der Qualifikationsphase können freiwillig wiederholt werden(EB-VOGO 3). Wer sein Abitur nicht besteht, hat die Möglichkeit, die Abiturprüfung zu wiederholen. Ein Überspringen der Einführungsphase ist möglich, eine freiwillige Wiederholung der Qualifikationsphase kann erfolgen.

In den Folgenden geben wir einen kurzen Überblick über die wesentliche Änderungen, die mit G 9 auf die Schulen zukommen. Eine ausführlichere Darstellung findet sich unter www.gew-nds.de.

Einführungsphase

Klassenteiler
Unterricht im Jahrgang 11 wird im Klassenverband durchgeführt (EB-VOGO 8.3). Der Klassenteiler beträgt 26. Es wird in den Schulen ggf. die Frage zu diskutieren sein, ob die Schüler*innen in den Lerngruppen der Sek I verbleiben oder neue Lerngruppen gebildet werden.

Leistungsnachweise
In der Einführungsphase (EB-VOGO 8.11) werden in allen Fächer außer im Fach Sport Klausuren geschrieben, und zwar in den Fächern Deutsch, Fremdsprachen und Mathematik drei bis vier Klausuren und in den übrigen Fächern zwei bis drei Klausuren pro Schuljahr, in epochal angelegten Fächer ein bis zwei Klausuren pro Schulhalbjahr.
In der Einführungsphase wird die Leistung (§ 7 VOGO) mit 00 bis 15 Punkten bewertet. Wenn bei einer Klausur bei mehr als der Hälfte der Klausuren einer Lerngruppe das Ergebnis unter fünf Punkten liegt, wird die Klausur in der Regel nicht bewertet.

Zweite Fremdsprache oder Wahlpflichtfächer
Grundsätzlich hat jede/r Schüler*in am Unterricht in zwei Fremdsprachen teilzunehmen. Der Schulvorstand (§ 8.2 VOGO) kann beschließen, dass diejenigen Schüler*innen, die die zweite Fremdsprache (ab Klasse 6) besucht haben, nicht am weiterführenden Unterricht teilnehmen müssen, wenn sie stattdessen am Unterricht in zwei Wahlfächern mit insgesamt drei Wochenstunden teilnehmen. Die Entscheidung, dass ein Wahlpflichtbereich angeboten wird, fällt der Schulvorstand. Folgende Bedingungen müssen erfüllt sein:

  • Der Unterricht an der weiterführenden Sprache muss sichergestellt sein.
  • Wahlpflichtfächer können nicht aus den Kernfächern Deutsch, Fremdsprache und Mathematik angeboten werden.
  • Schüler*innen, die nicht weiter am Unterricht der zweiten Fremdsprache teilnehmen, können in der Qualifikationsphase nicht den sprachlichen Schwerpunkt und im gesellschaftswissenschaftlichen und sportlichen Schwerpunkt die Fremdsprache nicht als Ergänzungsfach wählen.
  • Wird die 2. Fremdsprache fortgeführt, kann die Note als Ausgleichsfach für die Versetzung gemäß § 9 Abs. 3 Satz 4 VOGO genutzt werden; d.h., wird die 2. Fremdsprache abgewählt, stehen innerhalb der Kernfächer nur die Fächer Deutsch, 1. Fremdsprache und Mathematik zur Verfügung.
  • Beide Noten der Wahlpflichtfächer sind versetzungsrelevant.
  • Es ist notwendig, dass die Schüler*innen und deren Eltern eine
  • umfassende Beratung vor der Wahl der Schwerpunkte erhalten.

Erfahrungsgemäß wird die Einführung eines Wahlpflichtbereiches sehr kontrovers diskutiert. Die Einführung eines Wahlpflichtbereichs sollte so rechtzeitig getroffen werden, dass genügend inhaltliche und organisatorische Vorbereitungszeit bleibt, damit eine gezielte und pädagogisch verantwortungsvolle Beratung der Schüler*innen vorgenommen werden kann.

Politik-Wirtschaft
Das Fach Politik-Wirtschaft wird als Pflichtfach dreistündig unterrichtet (Fußnote 5 zu § 8 Abs. 1 VOGO). Der Fachunterricht beinhaltet zur Berufs- und Studienwahlvorbereitung Unterricht im Umfang von einer Wochenstunde (EB-VOGO 8.3). Darüber hinausgehende Vorschriften hierzu gibt es in der VOGO nicht.

Qualifikationsphase (12. und 13. Schuljahrgang)

Drei- und fünfstündige Kurse
In Zukunft gibt es fünfstündige Leistungs- und dreistündige Grundkurse.
Zwei- oder vierstündige Kurse gibt es bis auf wenige Ausnahmen nicht mehr. Die bereits in den bis jetzt geltenden Ergänzenden Bestimmungen zur VOGO definierten Ziele des Unterrichts auf grundlegendem Niveau (= Grundkurse) und erhöhtem Niveau (= Leistungskurse) hat der Verordnungsgeber in der Neufassung nicht geändert (vgl. die EB zur VOGO). In der Regel wird der Unterricht in Grund- bzw. Leistungskursen in getrennten Kursgruppen angeboten.
Das Kultusministerium hat zugesagt, dass die Kerncurricula entsprechend der unterschiedlichen Stundenzahl überarbeitet werden. Die Grundkurse haben immerhin eine Stunde weniger Unterrichtszeit pro Woche zur Verfügung als früher. Den Leistungskursen muss die fünfte Stunde als zusätzliche disponible Unterrichtszeit für vertieftes und selbstständiges Lernen zur Verfügung stehen. Eine Ausweitung des Stoffs soll (und darf!) es nicht geben. Eine Reihe überarbeiteter KC liegen bereits vor, andere sind in Arbeit bzw. befinden sich in der Anhörung (vgl. http://db2.nibis.de/1db/cuvo/ausgabe/index.php?mat1=16). In diesem Zusammenhang haben die Fachkonferenzen eine wichtige Aufgabe, da sie unter Beachtung der rechtlichen Grundlagen und der fachbezogenen Vorgaben des jeweiligen KCs einen (neuen) schuleigenen Arbeitsplan (Fachcurriculum) erarbeiten müssen (vgl. auch EB VOGO 10.7).

Änderungen im Stundenplan
Es wird stundenplantechnische Veränderungen geben. Viele Gymnasien und die meisten Gesamtschulen fahren das pädagogisch bewährte Doppelstundenmodell. Einzelstunden im Plan sind dort die absolute Ausnahme. Die eleganteste Lösung, um drei- und fünfstündige Kurse in das System von Doppelstunden einzufügen, dürfte die Einführung von A- und B-Wochen (oder geraden und ungeraden Wochen) sein. Der Grundkurs wird dann in der A-Woche zweistündig und der Leistungskurs vierstündig unterrichtet, in der B-Woche der Grundkurs vier- und der Leistungskurs sechsstündig. Es gibt also einen 14-täglichen Wechsel. Eine andere Möglichkeit ist, bestimmte zweistündige Leisten im Plan in zwei Einzelstunden aufzuteilen, in der dann die jeweils dritten bzw. fünften Stunden platziert werden. Es gäbe dann allerdings wieder jeweils eine Einzelstunde pro Woche.

Keine zweistündigen Ergänzungsfächer mehr
Eine gewisse organisatorische und pädagogische Herausforderung bringt die Abschaffung der bisher zweistündigen Kurse der Ergänzungsfächer, die in der Regel nur ein Schuljahrgang zu belegen waren. Zweistündig laufen nach der neuen Regelung nur noch Sport und das Seminarfach (s. u.). Die Fächer, die bisher als Ergänzungsfach auch zweistündig angeboten wurden, gibt es in Zukunft nur als dreistündige Grundkurse. Das betrifft die Fächer Kunst, Musik, Darstellendes Spiel, Geschichte, Politik-Wirtschaft, Erdkunde, Religion, Philosophie und Werte und Normen. Für diese neue Vorschrift gibt es je nach Größe des jeweiligen Sek-II-Systems verschiedene organisatorische Lösungen (Einzelheiten dazu unter www.gew-nds.de).

Seminarfach nur noch drei Halbjahre
Hinsichtlich der Belegverpflichtungen ist neu, dass die Fächer Religion, Werte und Normen oder Philosophie nur noch zwei Schulhalbjahre (bisher waren es vier) und das Seminarfach nur im ersten, zweiten und dritten Schulhalbjahr der Qualifikationsstufe belegt werden müssen (vgl. Anlage 2 der VOGO). Es bleibt dabei, dass das Seminarfach auch in Kombination mit einem anderen Fach angeboten werden kann (vgl. EB-VOGO 10.5), also z. B. an eines der Leistungsfächer gekoppelt wird. Dabei darf das Seminarfach natürlich nicht das Curriculum des Faches fortsetzen, an das es organisatorisch angebunden ist, sondern den curricularen Vorgaben der Verordnung für das Seminarfach folgen. Schulen, in denen bisher die Seminarfachleiter*innen die Tutor-Aufgaben übernommen hatten, müssen ihr Tutorensystem ändern, weil im Halbjahr des Abiturs (13.2) das Seminarfach nicht mehr stattfindet. Über das Tutorensystem der Schule beschließt die Gesamtkonferenz.

Zusammenstellung: Barbara Hallerbach, Henner Sauerland